Internat. Kultur-Ferien

Ein Experiment mit insgesamt über 30 Personen

Internationale Kultur-Ferien im Landhaus am Heinberg
Ein Experiment mit insgesamt über 30 Personen von 5 Monaten bis 58 Jahren fand jetzt erstmals zum
Beginn der Sommerferien von 12.-17.7.2019 im Landhaus statt.
Erwachsene, Jugendliche, Kinder aus Afghanistan, Tadzikistan, Syrien und Deutschland trafen sich zu
einem bunten Programm, um sich mit viel Zeit und noch mehr Spaß über Leben, Kultur, Gebräuche
und Religionen zu verständigen.
Und egal, wie gut oder wie fragmentarisch die deutschen Sprachkenntnisse waren/sind, jede/r
konnte sich einbringen und auch äußern.
Gleich zu Beginn ging es darum, heimische Flüchtlingshilfe kennenzulernen, dazu diente eine
Wanderung zum Café des Vereins „Zweite-Heimat-Warburg e.V.“ Dort wurden wir herzlich
empfangen und mit Kaffee und vielen guten Informationen und Tipps versorgt.

Das Programm im Landhaus war vielfältig und insgesamt – wie oben schon gesagt – ein Experiment
für alle Beteiligten. Im Erzbistum Paderborn wurden im Jahr 2018/19 sog. „Kulturcoaches“
(https://www.fluechtlingshilfe-paderborn.de/Angebote-fuer-Helfer/Fortbildungs-
Kalender/Qualifizierung-zum-Kulturcoach.html) ausgebildet. Einer von ihnen, der Afghane Madani
Alizehi (29) aus dem Iran, der seit einigen Jahren in Bielefeld lebt, kam mit theaterpädagogischen
Übungen, die bei Groß und Klein auf Begeisterung trafen. Neben wirklich witzigen Szenen gab es
auch die Möglichkeit, typische Familienkonflikte rund um Schule und Großwerden im szenischen
Spiel auszudrücken und zu bearbeiten.

Spontan verlängerte der Kulturcoach seinen Aufenthalt und inspirierte beim abendlichen Lagerfeuer
die Gruppe zum Singen, auch wenn doch eigentlich die meisten behaupteten, „nicht singen“
zu können. Kreativ und künstlerisch ging es am Montag weiter, Sabine Jaekel aus der Malschule
in Lichtenau-Herbram reiste mit großem Atelier-Gepäck an und ermutigte große und kleine
Künstlerinnen und Künstler zu farbenfrohen und fantasievollen Werken. In der Mittagspause
konnte sie kurzerhand noch einen wichtigen Impuls setzen in einer Erzähl-Einheit: Frau Jaekel
 stammt aus Magdeburg und hat eine bewegende und deutsch-deutsche Fluchtgeschichte, die sie mit
der sichtlich ergriffenen Gruppe teilte. Immer wieder gab es in den Kulturferien die Gelegenheit,
in Zwiegesprächen oder in der Gruppe selbst erlebte Fluchterfahrungen und Kriegserfahrungen zu teilen.
Und sei es, dass der Aufstieg zum Desenberg die heute 15jährige an eine nächtliche Wanderung im
Iran in Richtung Türkei erinnerte, die sie als 11jährige bewältigen musste.

Herzerfrischend für alle war die Mischung: Eben noch ernste Lebensthemen besprochen, dann
posiert für ein schönes Insta-Foto. Und Lachen – alle waren sich einig, dass sie schon lange nicht
mehr so viel und mit so vielen unterschiedlichen Menschen gelacht hatten. Sprache hin oder her.

„Hier kann ich wieder lachen, wie früher, als ich mit meiner Familie noch zuhause war. In
Deutschland lachen wir viel weniger. Im Landhaus geht das richtig gut“ – und sei es über den
selbstgebauten Dampfkochtopf, damit das persische Reisgericht auch gut gelingen kann.

Nicht nur Kulturcoaches werden im Erzbistum ausgebildet, seit Längerem auch sog.
„Dialogbegleiter/innen“ (https://www.erzbistum-paderborn.de/58-Besondere-
Seelsorgebereiche/1827-Interreligi%F6ser-Dialog/24347,Dialogbegleiter-inwerden..
html?cookiesaccepted=true). Was sich hinter diesem Begriff verbirgt, konnte die Gruppe an
zwei Tagen erleben mit Gülsüm Dal-Izgi (27, aus Lünen), die wohl einzigartig in Deutschland einen BA
in Islamischer und Katholischer Theologie erworben hat und derzeit ihr Masterstudium absolviert. In
mehreren Gesprächsrunden, aber auch abends bei Rumi-Gedichten und lustigen Geschichten von
Nasruddin Hodscha, konnte die Gruppe live erleben, wie angenehm und Augen öffnend es ist, wenn
jemand da ist, die Brücken bauen kann zwischen den Religionen, Sprachen und Kulturen.

So richtig greifbar wurden die interreligiösen Fragen dann bei der Stadtführung in Warburg, die an
exklusive Orte führte – den historischen Ratssaal und die unterirdische Krypta unter der Burgkapelle.
Beim Stadtrundgang und in der Altstadtkirche konnten alle Elemente einer christlichen Kirche, die
morgens per Schnippelbogen zugeordnet worden waren, erfragt und gesehen werden.

Erlebnispädagogische Elemente, unterstützt durch die Bildungsreferenten Daniel Burghardt und
Claudia Schwarz, gemeinsames Kochen, Wanderungen (unter anderem mit einem Begleithund, um
das Thema „Haustiere“ einmal zu erproben) Kartenspiele, Monopoly rundeten das Programm ab. In
einem kurzen Bericht lassen sich die einmalige Stimmung und die vielen guten Begegnungen gar
nicht abbilden. Einstimmig stand der Wunsch nach Wiederholung beim Abschied am Ende der
Landhaus-Tage… Ein Termin 2020 wird angepeilt.

Annegret Meyer, 17. Juli 2019