Rückblick: Engel der Kulturen – ein Tag voller Begegnungen am Wandelort

Rund 200 Menschen kamen am 27. September am Landhaus am Heinberg zusammen, um mit Kunst und Musik ein Zeichen für Vielfalt, Respekt und ein friedliches Miteinander zu setzen. Mit dem Einsetzen des Engels der Kulturen erhielt das Labyrinth am Wandelort seine symbolische Mitte.

Strahlender Sonnenschein, Musik auf dem Hof des Landhauses und viele Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen: Der Aktionstag Engel der Kulturen am 27. September 2026 begann bei „himmlischem“ Wetter und mit großer Vorfreude. Rund 200 Besucherinnen und Besucher waren zum Wandelort am Landhaus am Heinberg gekommen. Sie wollten miterleben, wie der Engel der Kulturen in die Mitte des Labyrinths eingesetzt wird, und gemeinsam ein Zeichen für Vielfalt und Verständigung setzen.

Willkommen am Landhaus

Antonia Hucht aus der Arbeitsgruppe Labyrinth, zu der auch Christina Bolte, Ute Herrmann-Lange und Heidi Fuhrmann gehören, begrüßte die Gäste herzlich. Die Freude darüber, dass sich so viele Menschen auf den Weg gemacht hatten, war groß. Das Labyrinth am Wandelort war bereits im vergangenen Jahr angelegt worden, doch die Mitte fehlte noch. Mit dem Engel der Kulturen soll das Labyrinth nun vollendet werden.

Dass der Engel der Kulturen gerade am Wandelort seinen Platz findet, ist kein Zufall. In unmittelbarer Nähe liegen der alte jüdische Friedhof und das christlich geprägte Landhaus am Heinberg. Das ehemalige Haus Maria war zuletzt eine Unterkunft für Geflüchtete, darunter auch viele Menschen muslimischen Glaubens. Die Geschichte des Ortes ist somit von unterschiedlichen Religionen und Lebenswegen geprägt. Der Engel der Kulturen verbindet die Symbole des Judentums, des Christentums und des Islam zu einem gemeinsamen Zeichen. Engel werden häufig als Begleiter und Schutzengel verstanden. Auch das Labyrinth steht für einen Weg, auf dem Menschen unterwegs sind, suchen und schließlich ankommen.

Carmen Dietrich, die das Kunstprojekt gemeinsam mit ihrem Mann Gregor Merten ins Leben gerufen hat, erklärte den Gästen die Bedeutung des Symbols. Stern, Kreuz und Halbmond sind untrennbar miteinander verbunden. Kein Zeichen kann herausgelöst werden, ohne die gemeinsame Gestalt des Engels zu zerstören. Damit vermittelt das Kunstwerk ein klares Zeichen für Vielfalt; Zusammenhalt entsteht dadurch, dass wir einander Raum geben.

Auch Christian Maier, erster Vorsitzender des Landhaus am Heinberg e. V., dankte den vielen Menschen, die sich für den Wandelort engagieren. Von den Schulgärten über den Klimawald bis zum Labyrinth entsteht hier Schritt für Schritt ein Ort, der von den Ideen und der Beteiligung vieler lebt. Er lud die Anwesenden dazu ein, sich auch künftig mit eigenen Ideen einzubringen.

Bürgermeister Tobias Scherff würdigte das Projekt als wichtiges Zeichen für Warburg. Gerade angesichts gesellschaftlicher Spannungen brauche es Orte, an denen Menschen miteinander sprechen und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen können. Demokratie lebe vom Dialog.

Musik, die Menschen verbindet

Für den musikalischen Auftakt sorgte Aeham Ahmad am Keyboard. Der Pianist, Komponist und Autor wurde als „Pianist aus den Trümmern“ international bekannt. Aufgewachsen im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk in Damaskus, spielte er während des syrischen Bürgerkriegs mitten auf den Straßen des zerstörten Lagers, häufig begleitet von singenden Kindern. Seine Auftritte wurden weltweit bekannt. 2015 floh er nach Deutschland.

Dass Aeham Ahmad den Aktionstag musikalisch begleitete, war eine besondere Freude. Mit seiner Interpretation von „Freude schöner Götterfunken“ verband er klassische Musik mit arabischen Klängen und lud alle Gäste zum Mitsingen ein.

Anschließend übernahm Stephan Lange die Moderation. Gemeinsam machten sich die Gäste auf den Stationsweg. Voran rollte Gregor Merten das etwa 1,50 Meter große Rad aus Stahl, das den Engel der Kulturen zeigt. An drei Stationen standen die jüdische, christliche und muslimische Perspektive im Mittelpunkt.

Impulse aus drei Religionen an drei Stationen

Die erste Station führte vor den jüdischen Friedhof. Da an diesem Tag das jüdische Laubhüttenfest gefeiert wurde, blieb der Friedhof geschlossen. Stattdessen konnten die Gäste anhand von Bildern einen Einblick gewinnen. Ruth Kröger-Bierhoff berichtete von der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Ossendorf. Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele jüdische Menschen in die USA aus. Nur zwei Familien blieben zurück. Die meisten ihrer Familienmitglieder wurden später in Konzentrationslagern ermordet. Die Mahnung, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholen dürfen, richtete sich an alle. Jede und jeder kann dazu beitragen, andere zu schützen und Verantwortung zu übernehmen, gewissermaßen selbst zum Schutzengel für andere zu werden. Ergänzt wurde die Station durch ein Interview von Josef Fuhrmann mit dem jüdischen Musiker Jean Goldenbaum aus Brasilien. Er beantwortete drei Fragen zum Judentum. Unter anderem sprach er über die Malachim, die Boten im jüdischen Glauben, die ursprünglich ohne Flügel vorgestellt wurden.

An jeder Station entstand außerdem ein vorübergehender Abdruck des Engels. Dazu wurde das Stahlrad auf den Boden gelegt und mit einem speziellen Sandgemisch befüllt. Kinder halfen dabei, den Sand in die Form einzubringen. Anschließend verdichtete Gregor Merten das Material, bevor mehrere Beteiligte das Rad gemeinsam mit Magnetgriffen anhoben. Zurück blieb der Engel als Sandbild. Diese Sandbilder machten das Kunstprojekt zu einer gemeinsamen Erfahrung: Viele Hände waren nötig, damit das Bild entstehen konnte.

Mit dem Lied „Hevenu schalom“ setzte sich die Gruppe zur zweiten Station in Bewegung. Dort berichtete Barbara Hucht von der Geschichte des Landhauses am Heinberg. In den 1950er-Jahren nutzten die Serviam-Schwestern aus Germete das Gelände landwirtschaftlich. Daraus entwickelte sich eine selbstverwaltete Bildungs- und Freizeitstätte, die Menschen und Gruppen einen Raum bietet, um miteinander zu leben, zu arbeiten, sich zu begegnen und den christlichen Glauben zu entdecken. Gemeindereferentin Christina Bolte erklärte die Bedeutung der Engel in der Bibel. Besonders der wiederkehrende Zuspruch „Fürchte dich nicht“ stand dabei im Mittelpunkt. Er vermittelt Vertrauen und macht Mut, auch in schwierigen Situationen weiterzugehen. Dass die Botschaft von Vielfalt und Respekt bereits bei Kindern ankommt, zeigte das Engagement der Kitas und Grundschulen im Stadtgebiet. Sie hatten sich in den vergangenen Monaten mit dem Engel der Kulturen und seiner Symbolik beschäftigt. So wurde das Thema nicht nur am Aktionstag aufgegriffen, sondern auch in die pädagogische Arbeit eingebunden. Nach einem weiteren gemeinsamen Sandabdruck begleitete das Lied „Das wünsche ich sehr“ die Gruppe auf ihrem Weg zur dritten Station.

In der Nähe des Labyrinths erläuterte Ayse Ergin vom Islamischen Kulturverein Warburg die Bedeutung der Engel im Islam. Sie stellte die Vorstellung von zwei Engeln vor, die die guten und schlechten Taten eines Menschen verzeichnen. Mit der Aufzeichnung der schlechten Taten wird demnach gewartet, damit der Mensch Gelegenheit hat, sein Handeln zu überdenken und zu bereuen. Ute Herrmann-Lange lenkte den Blick auf die Geschichte des ehemaligen Hauses Maria. Über die verschiedenen Nutzungen hinweg war der Ort immer wieder ein Ort des Gebets, der Gemeinschaft und der Gastfreundschaft. Damit schloss sich der Kreis zur Geschichte des Wandelorts, an dem unterschiedliche Menschen und Glaubensrichtungen ihre Spuren hinterlassen haben.

Die drei Stationen boten Gelegenheit, zuzuhören und andere Perspektiven kennenzulernen. Sie zeigten, wie wichtig es ist, sich mit den Geschichten anderer Menschen auseinanderzusetzen und miteinander im Gespräch zu bleiben.

Der 147. Engel der Kulturen findet seinen Platz

Am Ziel des Stationswegs wartete der Höhepunkt des Tages. Während Gregor Merten im Zentrum des Labyrinths die letzten Vorbereitungen für das Einsetzen der Bodenintarsie traf, erfüllte arabische Musik den Platz. Khorshid Asaad und Maha Abas luden mit ihrem Tanz dazu ein, sich rund um das Labyrinth zu bewegen. Dann war es so weit: Der 147. Engel der Kulturen wurde in die Mitte des Labyrinths am Heinberg eingesetzt. Damit erhielt das Labyrinth seine lange erwartete Mitte. Der Engel ist nun dauerhaft sichtbar und wird den Wandelort künftig prägen

Ein weiterer Höhepunkt war die Auszeichnung der beteiligten Kindertagesstätten. Die Stiftung Engel der Kulturen überreichte den Einrichtungen Zertifikate und jeweils einen Engel. Die Kitas hatten sich im Vorfeld mit der Symbolik und den Werten des Kunstprojekts beschäftigt und diese in ihre pädagogische Arbeit aufgenommen. Zahlreiche Familien und Kinder waren zur Veranstaltung gekommen. Gemeinsam versammelten sie sich rund um das Labyrinth und sangen „Ein Engel für dich, ein Engel für mich“.

Bei Getränken und Gebäck war anschließend Zeit für Gespräche. Ein besonderer Blickfang waren die Engel der Kulturen Hefeteilchen, gebacken von der Bäckerei Engel aus Marienmünster. Parallel wurde bereits an der Weitergabe des Symbols gearbeitet: Unter Beteiligung der Anwesenden wurde ein weiterer Engel gebrannt, der bei einer zukünftigen Aktion als Bodenintarsie eingesetzt werden soll.

Den ganzen Tag über haben uns auch drei Königsfiguren von Ralf Knoblauch begleitet. In vielfältigen Kontexten lassen sie die ihnen innewohnende Botschaft der Menschenwürde aufleuchten und möchten Beitrag zu einer bunten, toleranten und von Wertschätzung geprägten Gesellschaft leisten. Königliche Würde kommt einem jeden Menschen zu, auch wenn sie nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. In wohltuender Weise möchten die König:innen an die je eigene innere Krone erinnern. Es freut uns besonders, dass sich die König:innen im Rahmen unseres Aktionstags gemeinsam mit dem Engel der Kulturen für Frieden und Demokratie positionieren konnten.

Gegenwind beschließt den Tag musikalisch

Zum Abschluss versammelten sich die Gäste in der Scheune des Landhauses. Girlanden, die verschiedene Gruppen am Landhaus zum Engel der Kulturen gestaltet hatten, schmückten den Raum. Die Scheune war stimmungsvoll beleuchtet. Die Gruppe Gegenwind, die in der Region seit vielen Jahren bekannt und dem Landhaus freundschaftlich verbunden ist, gestaltete den musikalischen Ausklang. Ihre Lieder und Texte beschäftigten sich unter anderem mit Engeln, Vielfalt und Mut. Besonders gut passte das Lied „Aufsteh‘n, aufeinander zugeh‘n“ zur Botschaft des Tages: Es geht darum, auf andere Menschen zuzugehen, voneinander zu lernen und auch dann im Gespräch zu bleiben, wenn man etwas zunächst nicht versteht. Die Musik bot Gelegenheit, die vielen Eindrücke des Tages noch einmal nachklingen zu lassen.

Herzliche Einladung

Mit dem Engel der Kulturen hat das Labyrinth am Wandelort seine symbolische Mitte erhalten. Doch der Tag hat mehr hinterlassen als eine Bodenintarsie. Rund 200 Menschen haben sich auf den Weg gemacht, miteinander gesungen, getanzt, und ganz unterschiedliche Perspektiven kennengelernt. Unser herzlicher Dank gilt allen Mitwirkenden, den Künstlern Carmen Dietrich und Gregor Merten, den beteiligten Kitas und Schulen sowie den zahlreichen ehrenamtlich Engagierten, die diesen besonderen Tag möglich gemacht haben. Der Wandelort lebt von solchen Begegnungen und von den Menschen, die ihn mit ihrem Engagement gestalten. Der Engel erinnert künftig mitten im Labyrinth daran, dass Vielfalt, Toleranz und ein friedliches Miteinander keine Selbstverständlichkeit sind. Sie brauchen Menschen, die sich dafür einsetzen. Dieses Symbol anvertraut bekommen zu haben, ist für uns als Landhaus am Heinberg e. V. eine schöne und zugleich verantwortungsvolle Aufgabe. Wir möchten den Wandelort weiterhin als einen Ort gestalten, an dem Menschen zusammenkommen. Daher laden wir Sie und euch herzlich ein, vorbeizuschauen, den Engel der Kulturen und den Wandelort zu entdecken und darüber mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Lassen Sie uns / Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass noch viel mehr Menschen von diesem Zeichen erfahren.